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GeNeMove

Mit erblichen Bewegungsstörungen wird eine Gruppe von genetisch bedingten Erkrankungen bezeichnet, die durch eine fortschreitende Ataxie, eine zunehmende Spastik, durch Koordinierungsstörungen, fortschreitende Lähmungen oder fehlende Bewegungskontrolle gekennzeichnet sind. Wenngleich es sich um eine heterogene Gruppe von Erkrankungen handelt, so zeigen sie doch viele gleiche Symptome. Auch die zugrunde liegenden pathologischen Mechanismen (soweit sie überhaupt schon bekannt sind) ähneln sich bei vielen dieser Bewegungsstörungen. Darüber hinaus werden die Patienten dieser unterschiedlichen Krankheiten in der Regel von den gleichen ärztlichen Spezialisten betreut.

Vor diesem Hintergrund entstand das Deutsche Netzwerk für erbliche Bewegungsstörungen (German Network of Hereditary Movement Disorders, GeNeMove). Es ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt. Nach den Erfahrungen mit den Kompetenznetzen in der Medizin hat das Bundesministerium auch die Einrichtung von Netzwerken für seltene Erkrankungen ermöglicht. In diesem Rahmen erfolgt die Förderung von GeNeMove, dessen Ziele in der folgenden Auflistung zusammengefasst sind:

  • Die klinische und wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der seltenen erblichen Bewegungsstörungen in Deutschland soll im Rahmen von GeNeMove koordiniert werden.
  • GeNeMove will die Kooperation der einzelnen deutschen Fachzentren verbessern.
  • Standardisierte Krankheitsdokumentationen sollen eingeführt und Diagnostik- und Therapieleitlinien entworfen werden.
  • Durch die Zusammenarbeit können auch bei den seltenen erblichen Bewegungsstörungen größere Patientenzahlen beobachtet werden, um so den natürlichen Verlauf der Erkrankungen standardisiert beobachten und auch therapeutische Studien durchführen zu können.
  • Weitere genetische Untersuchungen sollen klären helfen, warum es trotz oftmals bekannter genetischer Veränderung zu einer unterschiedlichen Ausprägung der Erkrankung kommt. Hierzu gibt es eine zentrale Genbank, an der auch die genetische Diagnostik der Patienten durchgeführt wird.
  • Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit soll verstärkt auf die erblichen Bewegungsstörungen gerichtet werden.
  • Dies alles soll dazu dienen, die Versorgung der Patienten zu verbessern und Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten mit ausreichenden Informationen zu den erblichen Bewegungsstörungen und der Möglichkeit ihrer Behandlung zu versorgen.

Friedreich-Ataxie

Die Friedreich-Ataxie ist eine autosomal rezessive Erkrankung und mit einer Häufigkeit von einem Erkrankten pro 30.000 bis 40.000 Personen die häufigste erbliche Ataxie. Klinisch zeichnet sich die Friedreich-Erkrankung durch eine zunehmende Ataxie aus (Unsicherheit beim Stehen und Gehen), durch eine Dysarthrie (verwaschenes Sprechen), durch eine Verringerung des Vibrationsempfindens sowie durch eine Muskelschwäche der Beine. Ferner ist sie häufig mit einer hypertrophen Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung) und einem Diabetes mellitus vergesellschaftet. In den meisten Fällen treten die ersten Symptome um die Pubertät herum auf, doch auch ein späterer Erkrankungsbeginn ist möglich. Die genetischen Veränderungen, die dieser Erkrankung zugrunde liegen, sind mittlerweile bekannt. Der genaue Zusammenhang, warum diese genetische Veränderung jedoch zu gerade diesen Krankheitssymptomen führt, ist noch nicht geklärt. Auch weiß man bis heute nicht, warum die Krankheitssymptome zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben auftreten und warum der Krankheitsverlauf bei verschiedenen Patienten sehr unterschiedlich sein kann. Eine wirksame Therapie existiert bis heute für die Friedreich Ataxie ebenfalls nicht.

Wir wollen daher im Rahmen von GeNeMove unter Zusammenarbeit möglichst vieler deutscher Kliniken Friedreich Ataxie-Patienten standardisiert untersuchen, um zunächst den natürlichen Verlauf der Erkrankung genau kennen lernen zu können. Ferner planen wir Blutuntersuchungen, um feststellen zu können, welche zusätzlichen Faktoren neben den bekannten Genveränderungen den Erkrankungsbeginn und den Verlauf der Erkrankung beeinflussen könnten. Wenn wir hier ausreichend Erfahrungen und Ergebnisse gesammelt haben, planen wir darüber hinaus eine Therapiestudie mit Medikamenten, die den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen sollen.

Insgesamt wollen wir in unserem Friedreich Projekt die Erkrankung besser kennen lernen, um hierdurch und durch mögliche Therapieansätze den Patienten, die an der Friedreich Ataxie erkrankt sind, in Zukunft besser helfen zu können.

Natürlicher Verlauf der spinozerebellären Ataxie Typ 3 (SCA3)

Die spinozerebelläre Ataxie Typ 3 (SCA3), früher auch als Machado-Joseph-Erkrankung bezeichnet, ist weltweit die häufigste Form einer dominanten Ataxie. Der genetische Defekt der SCA3, eine sogenannte CAG-Repeat-Mutation, wurde vor etwa zehn Jahren gefunden. Seitdem gibt es weltweit Bemühungen, die molekulare Pathogenese dieser Erkrankung aufzuklären und neue Therapien zu entwickeln. Auch wenn derzeit noch keine klinisch anwendbaren Therapien verfügbar sind, besteht doch vorsichtiger Optimismus, dass in den nächsten Jahren zumindest klinische Prüfungen mit neuen Substanzen durchgeführt werden können. Um in solchen zukünftigen klinischen Prüfungen den möglichen Nutzen neuer Therapien zu untersuchen, ist die Kenntnis des natürlichen Verlaufs der SCA3 zwingend erforderlich. Bis heute gibt es keinerlei prospektive Verlaufsstudien der SCA3 oder irgendeiner anderen spinozerebellären Ataxie. In unserem Projekt soll daher der natürliche Verlauf der SCA3 untersucht werden. Wir beabsichtigen, etwa 100 Patienten mit nachgewiesener SCA3-Mutation zu rekrutieren und sie in den nächsten fünf Jahren in jährlichem Abstand nach einem standardisierten Untersuchungsprotokoll zu untersuchen. Im Vordergrund stehen dabei klinische Untersuchungen, die aber durch Kernspintomografien und elektrophysiologische Untersuchungen ergänzt werden sollen. Die Ergebnisse dieser Studie werden erlauben, die jährliche Progressionsrate der SCA3 abzuschätzen und Messinstrumente für zukünftige klinische Studien zu entwickeln. Wir erwarten außerdem neue Erkenntnisse über Faktoren, die den Krankheitsverlauf beeinflussen.

Hereditäre Spastische Paraplegie (HSP – familiäre Spinalparalyse)

Das Projekt zu den Hereditären Spastischen Spinalparalysen (HSP) wird von Herrn Prof. Dr. L. Schöls in der Neurologischen Klinik der Universität Tübingen koordiniert. Im Rahmen dieses Netzwerks wurde ein einheitlicher Standard für die Untersuchung von HSP-Patienten geschaffen. Hierdurch wird eine Vergleichbarkeit der erhobenen Befunde zwischen verschiedenen Zentren ermöglicht. Dieser kommt entscheidende Bedeutung sowohl für die Erforschung der Ursachen der Erkrankungen (Genetik der HSP) als auch für die Aufdeckung solcher Faktoren zu, die den Verlauf der Erkrankung beeinflussen (Genotyp-Phänotyp-Analysen). Scheinbar einfach, bislang jedoch nicht systematisch untersucht ist der natürliche Erkrankungsverlauf bzw. seine Variabilität bei verschiedenen Patienten. Die Kenntnis des natürlichen Verlaufes ist eine wichtige Voraussetzung für die Planung von Therapiestudien. Im Rahmen dieses Teilprojektes wird derzeit ein Score (Maßstab für die Schwere der Erkrankung) etabliert, mit dem in zukünftigen Therapiestudien die Wirkung von Medikamenten nachgewiesen werden kann.

Alle Patienten, die an der Etablierung dieses HSP-Scores mitarbeiten wollen, sind eingeladen sich in einer der unten genannten Spezialambulanzen untersuchen zu lassen. Sie werden gebeten sich nach Unterzeichnung einer Einverständniserklärung Blut für genetische Untersuchungen abnehmen zu lassen. Dieses wird in der zentralen DNA-Bank in Tübingen gesammelt und kann dann für HSP-Forschungsprojekte zur Verfügung gestellt werden.

Voraussetzungen für den Erfolg eines solchen Netzwerkes ist in erster Linie die Teilnahme möglichst vieler Patienten und Familien mit HSP, dann aber auch die gute Zusammenarbeit mit den Selbsthilfegruppen bzw. der Tom-Wahlig-Stiftung.

HSP-Spezialambulanzen, die an der Evaluation des HSP-Scores mitarbeiten:

  • Bochum: Frau Dr. Otto, Neurologische Klinik der Ruhr-Universität, St. Josef Hospital, Gudrunstr. 56, 44791 Bochum, Tel: 0234-5092420
  • Hamburg: Frau Dr. Sach, Herr M. Dirks, Dr. B. Heimbach, Neurologische Klinik – Universitätsklinikum Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg, Tel: 040-428032780
  • Jena: Herr Dr. Kunze, Neurologische Klinik – Universität Jena, Erlanger Allee 101, 07747 Jena Tel: 03641-9323450
  • Mainz: Herr Dr. Klimpe, Neurologische Klinik – Universität Mainz, Langenbeckstrasse 1, 55101 Mainz, Tel: 06131-173110
  • Regensburg: Frau Dr. Winner, Neurologische Klinik – Universität Regensburg, Universitätsstrasse 84, 93053 Regensburg, Tel: 0941-9413003 oder 3002
  • Tübingen: Frau R. Schüle, Zentrum für Neurologie, Universitätsklinikum, Hoppe-Seyler-Str. 3, 72076 Tübingen, Tel: 07071-2985165
  • Ulm: Herr Dr. Kassubek, Universitätsklinik Ulm – Abteilung Neurologie, Oberer Eselsberg 45, 89081 Ulm, Tel: 0731-50050981

Ansprechpartner

Prof. Dr. Thomas Klopstock
Dr. Nicola Strigl-Pill

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